Schöne WeinachtszeitAlexander Rossa 2007 Oh, welch schöne Weihnachtszeit! So sitze ich in einer unscheinbaren Ecke eines kleinen Straßencafes und beobachte das hektische Treiben auf den Straßen der Kauflust. Wie gehtztes Rotwild jagen junge Muttertiere durch die schwitzende Menschenmenge, kleine Kinder sabbern teure Kuscheltiere an und Senioren mit Hüten, Handschuhen und klappernden Knirpsen quetschen sich in überfüllte Strassenbahnen, deren Fenster beschlagenen Wolllusttempeln gleichen. Doch wenn ich so die vielen Menschen bei ihren Einkäufen beobachte und ihre gehetzten Blicke bemitleide, meine ich sehr deutlich erkennen zu können, dass sie scheinbar doch nicht so wirklich und erfüllt glücklich sind, obwohl es das Werbefernsehen immer so barockhaft zeichnet. Etwas scheint ihnen zu fehlen. Es muss etwas Bedeutendes sein. Sie ahnen dieses Fehlen wohl alle, diese Horden verbittert erscheinender Weihnachtselfen. Doch nahezu keiner von ihnen ist bereit, diese Lücke jemals öffentlich zuzugeben, Ihre sorgfältig konstruierte, starre Lebensplanung gefährden? Nein! Niemals würde ihnen das, in den Sinn kommen. Es gibt klare Grenzen ihrer Konstruktion, denen man sich rasch nähert und deren Konturen durchaus sichtbar sind, wollte man sie doch nur sehen. Aber die unangenehme Ahnung um sie, reicht den meisten Menschen vollkommen aus. Schafft sie völlig, können sie nicht verdrängt werden. Sie lieben das Verdrängen beim Schenken. Man versteckt sich wieder einmal hinter einem ganzen Berg von Dualismen, um in scheinbarem Frieden miteinander, das inzwischen fast zu reinstem Materialismus mutierte Weihnachtsfest zu feiern. Ja, dieses allseits so innig geliebte Fest der wunderbaren und formvollendeten Dualismenschlachten und ganzen Feuerwerken perfektionierter Scheinheiligkeiten. Ein üppiges Brimborium, das von den führenden Kirchen immer wieder gerne und bereitwillig gesponsert wird. Liebe, meine treuen Leser, das ist das Fest der reinen Liebe. Es ist zu einem Happening mutiert, das unter dem Deckmantel der Weltliebe und des weltweiten Gruppenkuschelns im Kunstschnee hysterisch brilliert. Es stellt sich mir eben nur unverzüglich die unbotmäßige Frage nach den Grenzen dieser Welt, auf der alle sich so sehr lieben und reich beschenken. Glückliche Momente auf die stressgeplagte Seele wirken lassen, in denen sogar auf dem Schlachtfeld manchmal die Kanonen und Haubitzen ehrfürchtig in Schweigen verfallen. Wenn auch nur für wertvolle Augenblicke der wärmenden Vielsamkeit.
Wer gedenkt ihnen aufrichtig, diesen doch so wichtigen Grenzen, bei knuspriger Gans, knisternden, bunten Geschenkpapierchen und kotzenden Kindern mit schmierigen Schokoladenmündern, weil sie sich hoffnungslos am Gabentisch, an der Festtafel, oder im Kinderzimer überfressen haben? Ich frage Dich, wer?

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